Herausragende Musikalben – „A Captive In The Land Of The Iron Bubbles“ von Microwave Prince

Veröffentlichung: 1995

Für diesen Artikel muss ich erst einmal etwas ausholen.: Das japanische Unternehmen Roland brachte im Jahr 1981 den monophonen Analogsynthesizer TB-303 auf den Markt. „TB“ steht dabei für „Transistor Bassline“ und verrät den eigentlichen Verwendungszweck für das Gerät, das als Ersatz für einen Musiker begleitenden E-Bassisten gedacht war. Der Synthesizer war ursprünglich für Sologitarristen konzipiert, um diesen mit der Kombination von TB-303 und TR-606 eine kostengünstige Schlagzeug- und Bass-Begleitung zu ermöglichen. Aufgrund des unnatürlichen Klanges war das Gerät bei der eigentlichen Zielgruppe jedoch nicht erfolgreich, und die Produktion wurde bereits 1984 wieder eingestellt.
Im Jahr 1985 entdeckte der in Chicago lebende Musiker DJ Pierre der Gruppe Phuture, dass mit der Roland TB-303 durch extreme Einstellungen sich Klänge erzeugen lassen, die nichts mit dem ursprünglichen Verwendungszweck zu tun haben. Klänge, die ein neuartiges und futuristisches Zwitscher, Kreischen und Blubbern waren. 1987 veröffentlichte DJ Pierre mit Acid Tracks ein zwölfminütiges, minimalistisches Stück, welches zu weiten Teilen auf diesem an Säure (engl. „acid“) erinnernden Klang der TB-303 basierte. Der „Acid-Sound“ beruhte unter anderem auf der Selbstoszillation eines Filters, also einer hoch eingestellten Resonanz. Acid Tracks wurde sofort zum Hit in der noch jungen House-Szene und sorgte für eine ganze Welle an ähnlichen Tracks, die meist in Kombination mit Drumcomputern wie der TR-808, der TR-606, der TR-909 oder der TR-707 produziert wurden. So begründete Acid Tracks einen neuen, eigenständigen und einflussreichen Musikstil, den Acid House, aus dem sich später auch der schnellere und härtere Acid Techno entwickelte.
Auch heute noch wird der Klang der TB-303 gerne für Produktionen von Techno, House, Goatrance und anderen Stilen der elektronischen Tanzmusik eingesetzt. Sogar ab etwa Mitte der 1990er Jahre wird die Roland TB-303 von Musikproduzenten bei den Arrangements von Musikalben der Pop-Musik wie Ray of Light der amerikanischen Sängerin Madonna eingesetzt.
Als das für den „Acid-Sound“ verantwortliche Gerät wurde die TB-303 im Laufe der Jahre immer begehrter. Durch die begrenzte Verfügbarkeit des nur kurze Zeit produzierten Gerätes und die wachsende Nachfrage stieg der Preis auf dem Gebrauchtmarkt enorm. Auch die verfügbare Menge von Ersatzteilen wurde im Lauf der Zeit immer knapper.
In den vergangenen Jahren wurden von der Roland TB-303 stattdessen immer mehr Nachbauten anderer Firmen und auch Software-Emulatoren auf den Markt gebracht. Auch die japanische Firma Roland brachte im Jahr 2014 ein offizielles Nachfolgegerät auf den Markt: die TB-3 Touch Bassline.

Der deutsche DJ und Musikproduzent Steffen Müller-Gärtner veröffentlichte unter dem Künstlername Microwave Prince ab den 1990er Jahren etliche Singles und EPs, bei der er die Roland TB-303 und Drum Computer der TR-Reihe einsetzt. 1995 erschien von Microwave Prince dann das Compilation-Album A Captive In The Land Of The Iron Bubbles.

Für mich ist A Captive In The Land Of The Iron Bubbles quasi so etwas wie eine in nur ein Musikalbum reduzierte Blaupause des Acid Technos im Besonderen und der elektronischen Musik im Allgemeinen.
Mehr noch: da die Roland-Ingenieure mit den technologischen Möglichkeiten der beginnenden 1980er Jahre und der TB-303 nicht dem Anspruch genügen konnten, sie von Musikern als einen ernst zunehmenden, begleitenden E-Bass-Ersatz zu etablieren, sehe ich sie auch nicht als ein Gerät an, welches einen Klang nachahmen kann oder soll. Nach meinem musikalischen Verständnis ist die TB-303 ein eigenständiges und ernst zu nehmendes Musikinstrument, wie es ein Saxophon, ein Cello oder eine Mandoline auch sind. Mit den heutigen Möglichkeiten der Computertechnik kann sicherlich der Klang fast jedes Musikinstrument täuschend echt nachgebildet werden. Die Roland TB-303 hat stattdessen mit ihrem eigenen Klangbild sich unbewusst selbst geschaffen. – Auch wenn es noch ein paar Jahre seinerzeit brauchte, bis das Potenzial entdeckt wurde.

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Herausragende Musikalben – „Ten“ von Pearl Jam

Veröffentlichung: 1991

Ten ist das Debütalbum der US-amerikanischen Rockband Pearl Jam. Gegründet hatte sich die Band bereits nur ein Jahr zuvor. Stone Gossard und Jeff Ament taten sich 1990 mit dem Ziel zusammen, eine neue Band zu gründen, nachdem sich die beiden Musiker entschieden hatten, nach dem Tod von Andrew Wood weiterhin Musik zu machen. Die beiden Musiker hatten zu dieser Zeit also schon mehrere Jahre musikalische Erfahrungen sammeln können. Sie jammten zusammen mit dem Gitarristen Mike McCready, den Gossard schon seit einiger Zeit kannte und dann auf einer Party wiedertraf. In der Folge entstand ein Demotape, auf dem Matt Cameron (damals Soundgarden, seit 1998 bei Pearl Jam) als Schlagzeuger aushalf. Dieses Demotape wurde an Jack Irons (Gründungsmitglied der Red Hot Chili Peppers) Freund Eddie Vedder weitergegeben, der damals in San Diego lebte. Eddie Vedder war in der Musikszene von San Diego kein Unbekannter; er hatte bereits in mehreren Bands gespielt, unter anderem bei Bad Radio. Dieser hörte sich das Demotape an, schrieb danach die Texte zu den Instrumentals auf dem Tape, besang es und schickte es zurück nach Seattle. Später sollten diese unter den Namen Alive, Once (auf Ten) und Footsteps (B-Seite der Single Jeremy) bekannt werden. Von der Stimme und der Energie waren Stone Gossard, Jeff Ament und Mike McCready so begeistert, dass sie Eddie Vedder sofort nach Seattle einluden. Während des Fluges nach Seattle schrieb Vedder den Text zu dem Song Black. Die Band probte in der darauf folgenden Zeit viel, und es entstand eine beachtliche Menge an Songs. Zunächst nannte sich die Band Mookie Blaylock, nach dem NBA-Aufbauspieler der New Jersey Nets und Atlanta Hawks mit der Rückennummer 10, entschied sich dann später aber für den von Eddie Vedder eingebrachten Namen Pearl Jam. Das Album Ten sollte ursprünglich anfangs auch nach dem Baskestball-Spieler benannt werden, aber auf Kritik seitens der Plattenfirma hin benannte die Band das Album jedoch nur nach dessen Rückennummer.
Zuerst verkaufte sich Ten schleppend, doch im Zuge des kommerziellen Erfolges von Nirvanas Nevermind und mit dem steigenden Hunger nach Seattle-Bands stieg der Verkauf rasch an. Bis heute wurde Ten mehr als fünfzehn Millionen Mal verkauft. Das Debütalbum ist damit gleichzeitig auch das kommerziell erfolgreichste Album von Pearl Jam.
Umfangreiches Touren und der weltweite Grunge-Boom gingen einher mit steigender Popularität der Band. Die beiden Singles Alive und Even Flow waren sehr erfolgreich, der größte Hit der Band wurde aber die dritte Single Jeremy. Es wurden fast eine Million Exemplare verkauft und 1993 gewann das Video zum Song vier MTV Video Music Awards, darunter den Preis für das beste Video des Jahres. Damit waren Pearl Jam die erfolgreichste Band bei dieser Verleihung.
Durch die langen musikalischen Erfahrungen der einzelnen Mitglieder vor Bandgründung, klingen die Songs von Ten melodisch sehr ausgereift, was – wie ich finde – sehr bemerkenswert ist.
Da die Band – vor allem Eddie Vedder – vom unerwarteten Ausmaß ihres Erfolges und dem Leben im Rampenlicht überfordert war, fasste sie den Entschluss, keine weiteren Musikvideos mehr zu veröffentlichen. Jeremy sollte sechs Jahre lang das letzte Video der Band bleiben.
Nach dem Selbstmord von Kurt Cobain im April 1994 war Pearl Jam die erfolgreichste existierende Grunge-Band der Welt, reagierte darauf aber mit dem kompletten Rückzug aus der Öffentlichkeit.

Bis letztes Jahr hat Pearl Jam ohne Unterbrechung insgesamt elf Studio-Alben veröffentlicht. Sie ist aber auch gleichzeitig die letzte überlebende Band der Grunge-Bewegung.

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Herausragende Musikalben – „Irrenhaus“ von Keimzeit

Veröffentlichung: 1990

Irrenhaus ist das Debütalbum der bereits im Jahr 1980 gegründeten Band, deren Gründungsmitglieder die Geschwister Norbert, Hartmut, Roland und Marion Leisegang bereits schon seit Ende der 1970er Jahre gemeinsam auf Familienfeiern und in Kneipen gemeinsam auftraten. In den 1980er Jahren erspielte sich die Band auf zudem meist abseits vom staatlich gelenkten Musikgeschäft der DDR organisierten tausenden Konzerten eine treue Fangemeinde, zum Beispiel in Dorfkneipen mit ihren Veranstaltungssälen. Ende der 1980er Jahre wurde der Band kurzzeitig die Spielerlaubnis durch die staatliche Künstlerorganisation entzogen. Unter anderem der Titel Mama sag mir, warum vom Debütalbum Irrenhaus war hier die Begründung. Stilistisch war die Musik der frühen Jahre typischer Bluesrock, der durch die teilweise sehr poetischen Texte seine spezielle Note erhielt.
Erst 1988 erhielt Keimzeit beim Rundfunk der DDR die Gelegenheit, Lieder professionell aufzunehmen. Seitdem wurden sie auch im Radio gespielt – vor allem beim Jugendradio DT64. Die Aufnahmen wurden jedoch erst 1990 als Debütalbum Irrenhaus bei Hansa Berlin veröffentlicht. Mit dem Titelstück des Albums gelang der Band ein „Wendehit“: Textzeilen wie „… Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament. Selber schuld daran, wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt …“ sprachen vielen DDR-Bürgern aus dem Herzen. Elf 99, die Jugendsendung des DDR-Fernsehens, produzierte zudem ein Video zum Titel Flugzeuge, der die metaphorische Wirkung des Liedes in Bezug auf die Wendewirren noch unterstützte: Bei der Textzeile „… eingepudert und abgestellt: der Chef …“ sieht man beispielsweise ein scheinbar achtlos in die Ecke gestelltes Bild Erich Honeckers. Darüber hinaus tourte die Band weiter intensiv durch die (Noch-)DDR und trat mehrfach im Fernsehen und im Radio auf.

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Herausragende Musikalben – „The Joshua Tree“ von U2

Veröffentlichung: 1987

The Joshua Tree ist das fünfte Studioalbum von U2 gewesen und erschien am 9. März 1987. Musikalisch begann die Band Blues und Folk in ihr Songwriting mit einzubeziehen. Diese Einflüsse sind vor allem in den Songs Running to Stand Still und Trip Through Your Wires zu erkennen. Die Band beschloss, den Schauplatz des Albums allgemeinem nach Amerika zu verlegen, und im Besonderen in die Wüste im Südwesten der USA. So fanden die Fotoaufnahmen mit dem niederländischen Fotografen Anton Corbijn für das Platten-Cover in der kalifornischen Mojave-Wüste und im Death-Valley-Nationalpark statt. Dort entstand auch das Foto eines allein wachsenden Josuabaums (Josua-Palmlilie), der auch dem Album den Titel gab. Auch inhaltlich setzt sich The Joshua Tree in den Liedtexten mit Amerika auseinander. Zum einen ist da wieder das Thema Wasser und Wüste – welches schon Bestandteil des Album-Covers ist, auf das im Song In God’s Country Bezug genommen wird. Zum anderen wird in dem Lied Bullet the Blue Sky Bezug auf die damalige US-amerikanische Politik im mittelamerikanischem Staat El Salvador genommen. Im Song Mothers of the Disappeared geht es schließlich um eine Klage für die Mütter zehntausender Desaparecidos – meist völlig unschuldigen Menschen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren von lateinamerikanischen Militärdiktaturen als angebliche Staatsfeinde heimlich entführt und dann meist gefoltert und umgebracht wurden.
Letztendlich wurde das Musikvideo für Where the Streets Have No Name in Los Angeles und das Musikvideo für I Still Haven’t Found What I’m Looking For in Las Vegas aufgenommen.

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